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Stuttgart: Noch nie so viele Firmen im Handwerk gemeldet PDF Drucken E-Mail
Montag, 23. Januar 2006
Zunehmende Dequalifizierung für Handwerkskammer »kein Grund zum Jubeln« Mit 29.006 Betrieben hat die Handwerkskammer Region Stuttgart zum 31.12.2005 einen Bestandsrekord erreicht. Dies bedeutet ein Plus von 885 Firmen (+3 Prozent) gegenüber dem Vorjahr.

Die überdurchschnittlich hohe Zahl an Betriebsgründungen ist nach Ansicht von Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, aber keineswegs ein Grund zum Jubeln, denn »87 Prozent der Gründer in den zulassungsfreien Gewerken besitzen keine gewerblich-technische Ausbildung, nur 7 Prozent können eine Gesellenprüfung vorweisen und lediglich 6 Prozent verfügen über die Meisterqualifikation«. Dies sei entschieden zu wenig an Qualifikation. Das Fundament der meisten neu gegründeten Betriebe sei nicht handwerklich solide sondern brüchig.

Diese Entwicklung lasse für den Qualitäts- und Leistungsstandard sowie für die Ausbildungs- und Zukunftsfähigkeit Schlimmes befürchten. »Die gesetzlichen Liberalisierungsmaßnahmen, die diesen Trend ermöglicht haben, sind für die qualifizierten Handwerksbetriebe und für die Verbraucher schädlich«, sagt Kammerchef Munkwitz. Legal tätige unterqualifizierte Handwerker würden die Kunden durch mangelhafte Leistungen verärgern und die gesamte Branche in Verruf bringen. Konträr sei, dass die Ansprüche ständig steigen, die Qualifikation aber jäh abrutsche. »Klare Zielsetzung ist, die Messlatte der Zugangsvoraussetzung zur Selbstständigkeit im Handwerk wieder anzuheben.« Gleichzeitig appelliert Munkwitz an die Jungunternehmer, die Meisterprüfung abzulegen oder sich anderweitig optimal vor diesem Schritt in die Selbstständigkeit zu qualifizieren. »Sonst dauert das Abenteuer vom eigenen Betrieb nicht lange.«

In der Anlage A zur Handwerksordnung, den zulassungspflichtigen Vollhandwerken, lag der Zuwachs im Jahr 2005 bei 68 Betrieben. Insgesamt wurden zum Jahresende 19.173 »Vollhandwerker« gezählt. In der Anlage B 1, den zulassungsfreien Handwerken, war der Zuwachs mit 654 auf jetzt 4007 Betrieben am gravierendsten und in dieser Größenordnung unerwartet. Auch die handwerksähnlichen Gewerbe stoppten den zuletzt zu verzeichnenden Rückwärtstrend durch einen Betriebszuwachs in Höhe von 164 und erreichten dadurch einen Bestand von 5.826 Betrieben.

In den so genannten Vollhandwerken mussten die Gruppen Bau und Ausbau, Holz sowie Nahrungsmittel Verluste in Höhe von 58 Betrieben verkraften.

Maßgeblich für die überproportionale Zunahme bei den zulassungsfreien Handwerken (Anlage B 1 zur Handwerksordnung) waren die Zugänge bei den Fliesenlegern (+213 Betriebe), den Raumausstattern (+79 Betriebe) und den Gebäudereinigern (+226 Betriebe).

Die Gründe für diese Entwicklung basieren auf der Novelle zur Handwerksordnung, die mit Wirkung vom 1.1.2004 für alle zulassungsfreien Handwerke die Qualifikationspflicht abgeschafft hat und der Osterweiterung der Europäischen Union zum 1.5.2004. Bei den zulassungsfreien Handwerken lag der Ausländeranteil bei durchschnittlich 40 Prozent, wobei insbesondere im Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk ein überdurchschnittlich hoher Anteil an osteuropäischen Unternehmern festzustellen war. Anlass zu Bedenken gibt hier der hohe Anteil von Existenzgründern ohne Qualifikation.

Die Trendwende hin zu steigenden Betriebszahlen basiert im handwerksähnlichen Bereich im Wesentlichen auf den Zuwächsen bei den Montagebauern (+103 Betriebe), bei den Kosmetikern (+74 Betriebe) und den Holz- und Bautenschutzbetrieben (+29 Betriebe). Wie bei den zulassungsfreien Handwerken gab es auch im handwerksähnlichen Gewerbe mit über 40 Prozent einen hohen Anteil an ausländischen Existenzgründern. Auch hier können die meisten Gründer keine Qualifikation oder keine Ausbildung nachweisen.